Auf den Halligen im rauen Norden

Die Rückkehr

So richtig Zuhause hat Ellen sich nicht gefühlt, ausser mit 16, als sie kurz auf einer Hallig lebte. In die Schönheit des rauen Nordens hat sie sich verliebt und nach zwanzig Jahren kehrt sie zurück. Jetzt hofft sie, endlich anzukommen.

In ihrer Kindheit ist sie oft umgezogen, je nachdem wo der jeweilige Liebhaber ihrer Mutter lebte, musste sie mitziehen. Zuhause fühlte sie sich nie, ausser auf den Halligen. Bauer Thijman und seine Tochter Liske werden für Ellen und ihr Mutter Sunny zur Familie. In diese besondere Landschaft im Wattenmeer hat sich Ellen verliebt, da möchte sie bleiben und in ihrer Stiefschwester Liske findet sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine wahre Freundin. Doch die Beziehung der Erwachsenen hält nicht lange, Sunny zieht mit Ellen fort. Doch diese weiss: Eines Tages wird sie zurückkehren.

Und sie kehrt zurück. Zwanzig Jahre später kommt sie als Lehrerin an die Halligerschule und erhofft sich, endlich ihren Platz im Leben zu finden. Der Empfang von Liske ist allerdings alles andere als freundlich. Sie ist überhaupt nicht begeistert, sie weiss aus Erfahrung, dass es die meisten Zugezogenen auf den Halligen nicht aushalten. Nur zu gut erinnert sie sich daran, wie verlassen sie sich damals fühlte, als Ellen abreiste. Noch einmal will sie nicht zulassen, dass Ellen ihr Leben aus den Angeln hebt. 

Nebst der Geschichte von Ellen erzählt Autorin Klara Jahn in einem zweiten Strang eine in der Vergangenheit liegende Geschichte, die gegen Ende zusammengefügt werden. Damals wie heute haben die Bewohner mit den Kräften der Natur zu kämpfen. Landunter ist kein Fremdwort. Sollte der Meeresspiegel weiterhin steigen, werden die Halligen irgendwann Geschichte sein. Durch die lebendigen Schilderungen ist man mitten im Geschehen, der Wind pfeift um die Ohren und man hört das Meer toben. Archaisch anmutende Naturgewalten und der Aberglaube der Menschen lässen einen den Atem anhalten und dem Sog des Romans kann man sich nicht mehr entziehen. 

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds   Heyne Verlag

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Krimi und Familiengeschichte

Anderssein

In einer Frühlingsnacht in der kalifornischen Wüste wird Driss, der aus Marokko eingewandert ist und einen Diner besitzt, angefahren und getötet. Der Fahrer begeht Fahrerflucht, Zeugen scheint es keine zu geben. War es ein Unfall oder gar Mord? Seine Tochter Nora, die als Komponistin und Lehrerin arbeitet, glaubt nicht an einen Unfall. Sie kehrt zurück in ihre Heimatstadt, in ihr altes Leben. Sie will unbedint den Diner behalten, für den ihr Vater so hart gearbeitet hat. 

Unerwartet trifft sie auf Jeremy, den sie aus Kindertagen kennt und der bei der Polizei arbeitet. Zusammen beginnen sie nachzuforschen und bald stossen sie auf ein Geheimnis, welches ihren geliebten Vater in ein anderes Licht stellt. Hat dieses etwas mit seinem Tod zu tun?

Wer jetzt einen Krimi erwartet, liegt nicht ganz richtig. Erzählt wird die Geschichte von Maryam und Driss, die aus politischen Gründen aus Marokko geflüchtet sind und sich in Amerika ein neues Leben aufgebaut haben. Die beiden Töchter kennen die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen, wachsen mit Rassismus auf und suchen sich ihren eigenen Weg.

Laila Lalami lässt die beteiligten Personen selber erzählen, somit steht man als Leserin/ Leser in der Mitte und hört allen zu. Die Autorin ist nie wertend, erzählt neutral, so dass man sich selber ein Bild von den Geschehnissen machen kann.

Dieser Roman umfasst so vieles: Liebe, Anderssein, alltäglicher Rassismus und Familie. Ein berührendes, spannendes Leseerlebnis!

Laila Lalami: Die Anderen   Kein & Aber Verlag

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Atmosphärisch und authentisch

Der Kampf um die eigene Tochter

London 1754: Bess Bright, die in ärmlichen Verhältnissen lebt und als Krabbenverkäuferin arbeitet, ist schwanger. Wer der Vater ist, verschweigt sie ihrer Familie, die nur noch aus ihrem Vater und dem Bruder besteht. Sie weiss, dass sie nicht in der Lage ist, das Kind richtig zu ernähren, also gibt sie ihre neugeborene Tochter in die Obhut des Waisenhauses. Sie hinterlässt ihr ein halbes Herz aus Walknochen mit den Anfangsbuchstaben ihres Namens und dem des Kindes - als Erkennungszeichen. Bess will Clara, ihre Tochter, so schnell wie möglich zurückholen.

Sie arbeitet hart, spart, wo es möglich ist und sechs Jahre später hat sie das Geld beisammen, um ihre Tochter aus dem Waisenhaus zurückzuholen. Doch da sagt man ihr, dass das Kind längst von "ihr" abgeholt worden sei, kurz nach der Geburt. Wie kann das sein? Wer hat ihren Namen benutzt? 

Mit der Hilfe ihrer Freundin Kaleiza und dem Fackelträger Lyle begibt sie sich auf die Suche nach Clara. Sie wird fündig und mogelt sich inkognito in das Leben ihrer Tochter, die Charlotte heisst und in einem reichen Hause aufwächst. Es entbrennt ein Kampf um das kleine Mädchen.

Erzählt wird die Geschiche im ersten Teil von Bess, den zweiten bestreitet Alexandra, die "neue" Mutter von Clara/ Charlotte. Stacy Halls erzählt zwei total unterschiedliche Frauenschicksale, die durch ein Mädchen verbunden sind. Sie lässt uns eintauchen in schwierige und düstere Zeiten, macht dies gekonnt und reisst die Lesenden mit. Sie schildert authentisch die Lebenssituation des niederen Volkes mit all seiner Armut und Entbehrungen. Dagegen steht Alexandra, die im goldenen Käfig lebt, aber dennoch kein gutes Leben hat.

"Die Verlorenen" ist ein wunderbarer, historischer Schmöker, denn natürlich will man unbedingt wissen, welche Geheimnisse die beiden Frauen umgeben.

Stacey Halls: Die Verlorenen   Piper Verlag

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Der Kummerkasten

Namiya Gemischtwaren und mehr!

Kurz vor Mitternacht dringen drei junge Einbrecher in einen verlassenen Gemischtwarenladen ein. Nach einem mehr oder minder geglückten Raubzug müssen sie untertauchen. Doch ruhig wird es in dem Laden nicht. Durch einen Schlitz wird ein Brief in den Laden geworfen. Erschrocken und erstaunt schauen die drei nach draussen, aber da steht kein Mensch. 

Die jungen Männer öffnen den Brief und damit beginnt eine unglaubliche Geschichte, die eine Nacht lang das Leben unzähliger Menschen verändern wird. Begonnen hat sie aber bereits vor dreissig Jahren, als ein alter, weiser Mann mit seinen Worten kleine Wunder vollbringen konnte. Yuji Namiya hiess der fröhliche 72-Jährige, der auf alle schwierigen Fragen zum Leben eine Antwort geben konnte. Wer abends einen Brief durch den Schlitz ins Haus gleiten liess, konnte am nächsten Morgen die Antwort aus dem Milchkasten hinter dem Haus fischen. 

Jetzt ist der 13. September, 30 Jahre später, und von einer Minute nach Mitternacht bis Tagesanbruch wird Namiya Gemischtwaren für eine einzige Nacht wiedereröffnet. Und jede/r der jemals um Rat gebeten und erhalten hat, soll ungeschminkt die Meinung schreiben. Wie hat sich der Rat auf das Leben ausgewirkt? War er hilfreich? Nutzlos? Eine magische Nacht beginnt...

Keigo Higashino, der bisher mit seinen brillanten Krimis aus der Masse herausgestochen ist, kann auch mit diesem Roman verblüffen. Kunstvoll verbindet er die unterschiedlichen Schicksale und Geschichten, erzählt mit Charme und leicht poetisch, wobei es ab und zu sprachlich äusserst bodenständig zugeht, aber es passt und macht die Figuren authentisch. 

Mit diesem Roman hat sich Higashino, der zurückgezogenen in Tokio lebt, neu erfunden und mich hat er während Stunden verzaubert. Was für ein wunderschönes Leseerlebnis, ich bin hin und weg!

Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht   Limes Verlag

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Grosser Stoff

Eine True-Crime-Reportage

Nach dem riesengrossen Erfolg von "Wer die Nachtigall stört" wurde es still um Harper Lee. Die Schriftstellerin zog sich zurück, der Rummel wurde ihr zu viel. Sie schrieb zwar jeden Tag, aber es entstand kein weiterer Roman. In den 70er Jahren stiess sie auf den Fall des schwarzen Predigers William Maxwell, der innerhalb weniger Jahre sechs ihm nahestehende Menschen umgebracht und deren Lebensversicherung kassiert hatte, und der Alabama in Angst und Schrecken versetzte. Zu einer Verurteilung kam es nie. Sein guter Anwalt, Tom Radney, konnte ihn vor der Justiz bewahren, allerdings wurde Maxwell auf der Beerdigung seines letzten Opfers von Robert Burns erschossen - vor Hunderten Zeugen. Viel Stoff für ein gutes Buch! Harper Lee begann zu recherchieren, sammelte massenhaft Material, wurde aber nie fertig.

Casey Cep hat das übernommen und rekonstruiert in "Grimme Stunden" nicht nur den Fall Maxwell, der alleine schon sehr viel Stoff bietet, sie nimmt sich auch dem Leben von Anwalt Radney, Robert Burns, der später von Tom Radney verteidigt wurde, und der Autorin Lee Harper an. Geschickt verwebt sie die drei Personen miteinander, nebenbei erzählt sie die Geschichte der Südstaaten in den 70er Jahren, lässt uns eintauchen in die Amerikanische Justiz, in das Leben von Lee Harper, die mit Truman Capote befreundet war, dem sie bei seinen Recherchen zu seinem True-Crime-Buch "Kaltblütig" behilflich war.

"Grimme Stunden" ist hochinteressant, faszinierend, brillant recherchiert, ein Kriminalfall, ein Justizdrama, gleichzeitig die Geschichte eines unvollendeten Romans und seiner berühmten Autorin, die mit nur einem Roman reich wurde. 

Casey Cep: Grimme Stunden   Ullstein Verlag

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