Der Fjord ist sein eigener Herr

Man weiss nie wie tief ein Fjord ist

In einem Osloer Krankenhaus stirbt ein kleiner Junge an den Folgen seiner Verletzungen. Haavard ist der diensthabende Arzt, der alles versucht, um ihn zu retten. Er ist überzeugt, dass das Kind misshandelt wurde. Kurz darauf wird der Vater des Jungen, ein pakistanischstämmiger Einwanderer, erschossen aufgefunden. Ein Mord aus Fremdenhass?

Clara, die Frau von Haavard und Politikerin, ist geschockt. Seit langem kämpft sie für ein neues Gesetz, das misshandelten Kindern früher helfen soll, doch bisher war ihr Kampf vergeblich. 

Haavard gerät ins Visier der Ermittler. Clara muss ihn entlasten, damit sie politisch weiterhin tragbar bleibt, dabei weiss sie nicht, wo sich ihr Mann zur Tatzeit aufgehalten hat. Zudem taucht eine List auf, wo er sorgfältig die Namen von Menschen aufgeführt hat, denen Kindsmisshandlung nachgewiesen werden kann. Die Ehe der beiden ist seit längerem zerrüttet. Clara will Karriere in der Politik machen und er kümmert sich mehr und mehr um die Kinder und seine Geliebte Sabiya, die mit ihm in der Klinik arbeitet und die seine Pistole im Ärztezimmer verwahrt hat, die ist allerdings verschwunden. Man beginnt sich gegenseitig zu belauern. Wem kann man noch vertrauen?

Erzählt wird die Geschichte abwechslungsweise von Clara und Haavard und somit ist man eng an die beiden Hauptfiguren gebunden. Das macht Autorin Ruth Lillegraven richtig, richtig gut. Als Leserin/ Leser kann man das Mordmotiv verstehen und fast heisst man es ein bisschen gut. Die Spannung steigert sich von Seite zu Seite, man rätselt mit, verwirft und am Schluss wird man völlig überrascht. 

Thriller-Leserinnen und Leser sollten sich den Namen dieser Autorin merken. Wenn sie so weitermacht, wird sie zu den Grossen aus dem Norden gehören.

Ruth Lillegraven: Tiefer Fjord   List Verlag

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Ein ergreifendes Familienepos

Was uns allen vertraut ist: Familie

Es ist der Sommer 1981, der für die Geschwister Renee, Caroline, Joe und Fiona einschneidend wird: Ihr Vater stirbt völlig unerwartet. Danach folgen die Jahre, die als "die Pause" in die Familiengeschichte eingehen. Die Mutter verliert sich in ihrer Trauer, ist nicht in der Lage für die Kinder zu sorgen. Die Geschwister umsorgen sich gegenseitig, strömen tagelang durch die Wälder, Fiona, die Jüngste, lernt durch ihren geliebten Bruder Joe das Schwimmen, das Band zwischen den Vieren ist sehr stark. Verletzungen, die sie von dem tragischen Ereignis davongetragen haben, offenbaren sich erst Jahre später, als eine weitere Tragödie die Familie trifft.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Fiona, die 2072 mit ihren 102 Jahren als gefeierte Dichterin nach 25 Jahren wieder an die Öffentlichkeit tritt. Bei ihrem Auftritt taucht eine junge Frau namens Luna auf, die wissen möchte, wer die Luna aus einem grossen Gedicht war und hier beginnt die eigentliche Geschichte der vier Geschwister, die hundert Jahre Familie umfasst. 

Das grosse Thema im Roman von Tara Conklin ist die Liebe und was passiert, wenn sie abhanden kommt. Es geht um Verantwortung, die Liebenden auferlegt wird und von deren Bereitschaft, diese anzunehmen. Doch sie kann auch zerfallen, wie die Geschwister leidvoll erfahren müssen, als Drogen, Süchte, Alkohol und Sex ihre Welt verändern. Was aber bleibt, ist das starke Band zwischen ihnen.

Es passiert viel zwischen den zwei Buchdeckeln und man will unbedingt wissen, wie es all den Familienmitgliedern und deren Anhang geht, wie sie durchs Leben kommen, sei es zusammen oder einzeln. Emotional, tiefgründig, spannend, liebevoll, traurig, melancholisch - alles, was eine gute Geschichte braucht.

Tara Conklin: Die letzten Romantiker   HarperCollins Verlag

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Ein perfides Spiel

Ein schwesterliches Duell

Es ist der Tag vor Heiligabend, Esther hätte eigentlich noch vieles zu erledigen und vorzubereiten, aber nun will sie doch schnell zu ihrer labilen Schwester Sue fahren, um ihr ein Geschenk und eine Flasche Wein zu bringen. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt sie ganz alleine in einem riesigen Haus tief im Wald. Allein der Gedanke, dass diese an Weihnachten allein ist, macht Esther Sorgen, zudem will sie sich überzeugen, ob wirklich alles in Ordnung ist und sie ihre Tabletten zu sich nimmt. Zu sich einladen will sie Sue lieber nicht. Zu schlecht sind die Erinnerungen an das vordere Weihnachtsfest. Was ist, wenn sie wieder durchdreht?

Nach einer längeren Fahrt trifft Esther ein, die Schwester ist da, aber nicht sehr erfreut über den Besuch. Wieso will Sue sie so schell wie möglich loswerden? Draussen setzt ein Schneesturm ein, drinnen wird ein Orkan ausgelöst. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit kommen die beiden Frauen ins Gespräch, kein Stein bleibt auf dem anderen. Eine greift zum Messer... Draussen bedeckt der Schnee alles, jedes Geräusch erstickt.

Judith Merchant lässt in ihrem Psychothriller zwei unzuverlässige Erzählerinnen gegeneinander antreten. Es beginnt ein unheimlich intensives Kammerspiel um eine toxische Beziehung, in der nichts so ist, wie es scheint. Die beiden Frauen schenken sich nichts. Abwechselnd erzählen sie aus ihrer Sicht. Nebst den beiden Schwestern kommt auch Martin, Esthers Ehemann, zu Wort, dessen Rolle etwas nebulös ist. Die Atmosphäre ist geladen und beklemmend und die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man einfach nicht aufhören kann, auch wenn es längst nach Mitternacht ist.

Judith Merchant: Schweig!  Kiepenheuer & Witsch

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Elf meisterhafte Erzählungen

Kleine Wunder, die den Blick auf das Leben reicher machen

Franz Hohler ist ein begnadeter Erzähler. Nirgends kommt das Fantatische so beiläufig daher wie bei ihm. In seinem neuen Buch "Der Enkeltrick" schildert er merkwürdige Begebenheiten und plötzliche Einbrüche ins Wunderbare. Zum Beispiel die titelgebende Geschichte über die betagte Amalie Ott, die dank dem Enkeltrick auf eine weite Reise geht. Oder die Geschichte von einem jähen Moment der Wahrheit im Telefonat zwischen Mutter und Tochter. Welches Geheimnis steckt hinter dem Tisch im Ausflugslokal, der immer reserviert ist, an dem aber nie jemand sitzt?

Pointiert und abgründig zeigt uns Hohler die unscheinbaren Risse im alltäglichen Gefüge. Jede seiner Geschichten ist ein kleines Wunder, das den Blick auf das Leben reicher macht.  

Franz Hohler: Der Enkeltrick   Luchterhand Verlag

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Ein Mann, der sich nicht verbiegen lässt

Über einen der ehrenwertesten Sportler auf und neben dem Tennisplatz

Julius wächst als Adelsspross auf einer Burg auf, daneben gibt es einen eigenen Tennisplatz - eine Seltenheit in einer Zeit, als es noch kaum Clubs und Courts gibt. Er erhält die bestmögliche Bildung, geniesst eine erstklassige Erziehung und daneben oder vielmehr hauptsächlich ist er fasziniert vom weissen Sport.

Sein Weg zum Spitzensportler ist geprägt von den politischen Umwälzungen in seiner Heimat dem Rheintal. Durch Separatisten verliert sein Grossvater, der ihm sehr wichtig ist, das Augenlicht. Julius fängt an, seine Tennis-Spiele zu erzählen, damit er weiterhin teilhaben kann.

Er beginnt zwar ein Studium, doch immer mehr verfällt er dem Tennis und Erfolg, den er damit hat. Es beginnt ein glamouröses Leben mit Partys am Abend und Spielen am nächsten Tag. Und mit seinem Erfolg bemühen sich auch mehr Leute um ihn. Seien es Frauen, die sich mit ihm schmücken wollen oder Industrielle, die erhoffen, dass sein Erfolg auf sie abfärben möge und natürlich auch Politiker, die ihn als Vorzeigemensch der Herrenrasse verstehen. Er wird zum deutschen Aushängeschild des Deutschen Reiches. 

Doch dann wird ihm sein Nachtleben zum Verhängnis. Er schwärmt nicht nur für seine Jugendliebe Julie, sondern auf für Moses, dem jüdischen Freund, dem er zur Flucht verhilft. Für die Nazis Grund genug ihn zu verhaften. 

Autor Tom Saller hält sich eng an die Geschichte von Gottfried von Cramm, dem deutschen Tennisspieler, der u.a. 2x die French Open gewonnen hat. Ein Gentleman nicht nur auf dem Platz, dem die Schönheit des Spiels immer wichtig war - nicht der Sieg. Ob man sich für Tennis interessiert oder nicht, dieser Roman vermag so oder so zu fesseln und weiss bestens zu unterhalten. Und Julius beeindruckt und berührt durch sein menschliches Verhalten in einer düsteren Zeit.   

Tom Saller: Julius oder die Schönheit des Spiels   List Verlag 

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