Von grosser Kraft und Schönheit

Intensiv bis zur Schmerzgrenze

Inti Flynn kommt mit dem Auftrag nach Schottland, Wölfe in den Highlands wieder anzusiedeln. Sie ist Wissenschaftlerin und weiss, dass die wilden Tiere die einzige Rettung für die zerstörte Landschaft sind. Persönlich erhofft sie sich einen Neustart. Sie ist nicht mehr die, die sie einst war, hat sich von den Menschen zurückgezogen. Die Biologin ist im Besitz einer seltenen Fähigkeit: Sie kann die Gefühle von anderen Lebewesen körperlich nachempfinden (Mirror Touch Synästhesie). Alles was sie sieht, fühlt sie auch. 

Ihr Wolf-Projekt stösst bei den ansässigen Schafzüchtern auf wenig Verständnis. Jahrelang hat man Wölfe abgeschossen, weil sie Schafe gerissen haben und nun sollen diese Tiere wieder angesiedelt werden?! Inti versucht alles, um ihre geliebten Wölfe vor den Bewohnern zu schützen und ihnen begreiflich zu machen, wie wichtig sie für die Natur sind. Jedes gerissene Schaf soll den Züchtern vergütet werden. 

Als ein Farmer tot aufgefunden wird, beginnt eine Hetzjagd gegen die Tiere und Inti muss sich ihren Ängsten stellen. Ist der Wolf oder der Mensch die Bestie in den Wäldern? Kann sie je wieder menschliche Nähe zulassen oder wird sie von der Wildnis, die sie retten will, verschlungen?

Erneut weiss Charlotte McConaghy das Thema Umwelt gekonnt zu verpacken. Wir begeben uns in die Wildnis, erleben hautnah Wölfe, ihr Verhalten und wie sinnvoll es ist, sie wieder anzusiedeln. Die Geschichte entwickelt sich rasant, ist intensiv, lässt einen kaum durchatmen und die Spannung hält sich bis zum Schluss und bringt, wie beim Erstling "Zugvögel", ganz anderes zu Tage, als dass man vermutet. McConaghy ist erneut ein Meisterwerk gelungen - Lesen!

Charlotte McConaghy: Wo die Wölfe sind   S. Fischer Verlag

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Ein absoluter Lesegenuss

Die Merkwürdigkeit des Menschen ist unantastbar

Ein Mann wird zu einem Duell aufgefordert. Klingt wie aus dem letzten Jahrhundert? Mitnichten! Oskar B. Markov, seines Zeichens Psychiater, wird tatsächlich per Brief zu einem Duell herausgefordert. Was tun? Er meldet sich bei der Polizei, die das Ganze für einen Scherz hält, zudem gibt es kein solches Delikt, Duelle sind schliesslich verboten. Oberkommissarin Tannenschmidt nimmt sich aber dem kommenden Verbrechen (noch ist ja nichts geschehen) trotzdem an. 

Der Herausforderer ist Antiquar Alexander Schill, der eine Schwäche für die Geschichte der Duelle hat und Steine von historisch verbrieften Duellorten sammelt. Diese Besessenheit war auch der Grund, weshalb ihn Constanze verlassen und Zuflucht bei ihrem Psychiater Markov gefunden hat. "Verführung einer Frauenperson" nennt sich dies in der Geschichte der Duelle, eine Beleidigung dritten Grades, ein Duell muss also stattfinden. Das ist nicht einfach, denn niemand weiss so richtig, wie das funktionieren soll. Die Polizei will nicht recht ermitteln, es gibt ja keinen Fall und Markov will absolut nicht begreifen, wieso er sich erschiessen lassen soll.

Dieser Krimi ist irrwitzig und grandios. Autor Wieland fabuliert voller Elan mit feinem Gefühl für Absurdes und Witziges. Geschickt verbindet er die gegenwärtige Geschichte mit dem letzten historischen Duell, welches 1937 auf deutschem Boden stattgefunden hat. Damals standen sich zwei SS-Leute gegenüber. Wieland hat unzählige Protokolle und Augenzeugenberichte gelesen und daraus die Geschichte geschrieben. Immer wieder verwebt er auf absurden Wegen die beiden Duelle miteinander. Und das macht richtig, richtig Lesespass!

Rayk Wieland: Beleidigung dritten Grades  Verlag Kunstmann

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Gesellschaftliche Abgründe

Schöne neue Social-Media-Welt

Als Kind war Mélanie ein grosser Fan von "Big Brother" und ähnlichen Formaten. Sie hat davon geträumt, auf der Strasse erkannt und berühmt zu werden. Jahre später hat sie geschafft. Sie ist eine erfolgreiche Youtuberin mit Tausenden von Followern. Die Objekte ihrer Filme sind ihre beiden Kinder Sammy und Kimmy, die auf Schritt und Tritt gefilmt werden. Die 5 Millionen Abonnenten erfreuen sich an den beiden Kindern und überschütten sie mit Liebesbekundungen. Was für ein Glück!

Doch seit Kurzem boykottiert die kleine Kimmy die Aufnahmen, macht sehr unwillig mit. Das ist nur eine Laune, denkt sich Mélanie, denn wie könnte man die unendliche Liebe, die ihnen aus dem Netz entgegenkommt, als Last empfinden?! Einige Zeit später verschwindet Kimmy während dem Versteckspielen im Hof spurlos.

Clara wird auf den Fall angesetzt, allerdings sind ihre Ermittlungsmethoden in der virtuellen Welt nutzlos. Sie betritt eine ihr fremde Welt, ihre Arbeit findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und auch privat lebt sie eher zurückgezogen. Mélanie ist der Gegenpol, ohne Aufmerksamkeit kann sie nicht mehr leben. Alles was sie hat, verdankt sie dem Netz. Sie ist nie auf die Idee gekommen, dass Kimmy sich vielleicht danach sehnt, ein unbekanntes Mädchen zu sein. Kinderausbeutung? Ganz bestimmt nicht, wehrt sich Mélanie. Jahre nach Kimmys Verschwinden wird sie genau dessen angeklagt.

Delphine de Vigan legt mit ihrem neusten Buch erneut den Finger in die Wunde. Die Geschichte liest sich fast wie ein Krimi, dabei behandelt die Autorin komplexe und wichtige Themen. Seien es die Gefahren in den Sozialen Medien, insbesondere für Kinder, Datenschutz, Freiheit und Einsamkeit. Dieser Roman regt zum Nachdenken an. Auf einmal erscheinen all die vielen Kinder-Filme auf youtube in einem anderen Licht. Darf man Kinder ins Netz stellen? Wie weit darf man dabei gehen? 

"Die Kinder sind Könige" ist ein erschreckender, erhellender und notwendiger Roman, möge er einige Eltern aufrütteln. Unbedingt lesen!

 Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige  Dumont Verlag

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Liebe und Ehe

Komplexe Familienbeziehungen

Yasmin Ghorami und Joe Sangster stehen kurz vor dem schönsten Tag ihres Lebens: der Heirat. Die Beiden scheinen wie für einander geschaffen, arbeiten im Krankenhaus als Arzt und Ärztin und stehen gut im Leben. Nun ist es Zeit, die nächste Hürde zu nehmen: das erste Kennenlernen ihrer Familien. 

Yasmins Eltern sind Einwanderer aus Bengalen und traditionsbewusste Muslime. Schon bei einem Zungenkuss im Fernsehen wird das Gerät ausgeschaltet. Dagegen hat sich Joes Mutter vor Jahren einen Ruf als feministische Ikone erarbeitet. 

Das Abendessen im noblen Primrose Hill verläuft alles andere als schwierig, die beiden Familien verstehen sich blendend. Zwischen den beiden Müttern, so verschieden sie sind, entsteht eine aussergewöhnliche Freundschaft, die mit althergebrachten Mustern und Gewissheiten bricht.

Auch zwischen Joe und Yasmin gibt es Veränderungen und sie müssen nicht nur ihre eigene Beziehung neu werten, sondern auch die Beziehungen zu ihren Eltern. 

Was wie ein locker leichter Klischee-Roman anfängt, entwickelt sich zu einer Geschichte über das heutige Grossbritannien, wer sie sind, wie sie lieben, über die Komplikationen und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt. Es geht um Sehnsucht, Begierde, Familie, die Liebe, Heirat und Ehe und welche Bedeutung diese Phänomene in den verschiedenen Gesellschaften und Generationen haben.

Es klingt vielleicht nach schwerer Kost, das ist es nicht, auch der Humor kommt nicht zu kurz. Ein wunderbares Buch zum Eintauchen, humorvoll, ernsthaft und unterhaltsam - ein toller Schmöcker.

Monica Ali: Liebesheirat   Klett-Cotta

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Witzig, rebellisch und ihrer Zeit voraus

Unangepasst und ungezähmt

60er Jahre: Elizabeth Zott ist Chemikerin an einem Institut - als einzige Wissenschaftlerin. Ihr Auftreten ist alles andere als durchschnittlich und wird es nie sein. Sie kommt aus schwierigen Verhältnissen und als hochbegabte Studentin hat sie niemanden, der hinter ihr steht und sie beschützt, als ihr Doktorvater sie versucht zu vergewaltigen. Sie widersetzt sich ihm und wird nicht promoviert. Als Laborassistenin findet sie an einer Hochschule einen Job, wo sie ihre grosse Liebe, den brillanten Calvin Evans, der einsame Nobelpreiskandidat, kennenlernt. 

Zwischen den beiden stimmt es, die Beziehung ist auf Augenhöhe. Er hat sich nicht nur in ihre Schönheit, sondern auch in ihren Verstand verliebt. Heiraten will sie nicht, die Unabhängigkeit ist ihr wichtiger. Kein leichter Entscheid in der damaligen Zeit. 

Es könnte alles so schön sei, doch dann kommt Calvin bei einem tragischen Unfall ums Leben. Elizabeth steht alleine da mit ihrer Trauer, wobei, so ganz alleine ist sie nicht. Einige Monate später kommt ihre Tochter zur Welt. Ein uneheliches Kind, keinen Job - das Leben scheint es nicht gut mit der unangepasste Elizabeth zu meinen. Doch dann kommt ein Fernsehproduzent auf sie zu, der findet, dass sie wunderbar als Fernsehköchin in der biederen Sendung "Essen um sechs" auftreten könnte. Nicht gerade ihr Traumjob, aber ohne Geld geht es nicht. Auch hier behält sie ihren eigenen Kopf und tritt im Laborkittel vor die Kamera, um den Zuschauerinnen zu zeigen, welche chemischen Prozesse zum Kochen gehören. Ob das gut kommt?

Mit Elizabeth Zott hat Autorin Bonnei Garmus eine wunderbare, starke, kämpferische Frauenfigur geschaffen. Furchtlos und ohne Rücksicht auf Verletzungen geht sie ihren Weg. "Eine Frage der Chemie" ist ein geistreicher, warmherziger, witziger Roman mit Tiefgang, der einen förmlich mitreisst. Mal muss man herzhaft lachen, dann wiederum ballt man die Fäuste oder macht einen Höhenflug mit.

Die Geschichte ist ein absolutes Highlight von diesem Bücherfrühling! Lesen!

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie  Piper Verlag

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