Die bittere Wahrheit

Zwei Familien - ein Alptraum

Wie an jedem Jahresende stossen die drei Freundinnen Nina, Lollo und Malena zusammen mit ihren Männern auf das neue Jahr an. Zwar haben sie nicht mehr viel gemeinsam, aber die Silvesterfeier mit den Familien hat Tradition. Es wird ein feuchtfröhlicher Abend, der Alkohol fliesst - es ist wie immer. Nur das Aufwachen am nächsten Morgen wird zum Alptraum. Jennifer, die Tochter von Lollo und Max, fehlt. Sie ist von der Party bei Smilla, der Tochter von Nina, abgehauen ohne zu sagen wieso und wohin sie will.

Die Suche beginnt und in den Beziehungen beginnt es zu eskalieren. Wer lügt und warum? Dunkle Geheimnisse lauern an der Oberfläche, bereit hochzukommen. Wie gut kennen sich die Freunde überhaupt? Was ist in der Nacht passiert? 

"Happy New Year" wird aus drei Sichten erzählt und zieht einen nach und nach in Bann. Überall lauern Geheimnisse und unerbittlich nähert sich die Geschichte dem bösen Kern. Es beginnt harmlos. Menschen wie du und ich treffen sich, mehr oder weniger mit Freude, halt wie immer, am Silvester. Nach und nach beginnt Autorin Malin Stehn die dunklen Seiten der Hauptfiguren zu enthüllen, die Spannung steigt unweigerlich und als Leser/ Leserin stehen wir mitten drin, hören die unterschiedlichen Stimmen und wissen nicht, wer die Wahrheit sagt.

Spannung pur und schwarze Augenringe, weil nicht an Schlaf zu denken ist bis Klarheit herrscht.

Malin Stehn: Happy New Year   Scherz Verlag

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Man möchte das eine machen und muss das andere tun

Eine liebenswerte, heitere, kluge Road Novel

Im Juni 1954 wird der 18jährige Emmett vorzeitig aus der Jugendbesserungsanstalt in Kansas entlassen. Sein Vater ist gestorben, der 8jährige Bruder Billy ist von Nachbarn aufgenommen worden. Die ehemalige Farm ist hochverschuldet, die beiden Jungs haben kein Zuhause mehr. Sie entschliessen sich für einen Neustart. Sie wollen quer durch Amerika nach Kalifornien, wo ihre Mutter, die vor Jahren gegangen ist, leben soll. Der 48 Studebaker ist bereit, als plötzlich zwei Freunde aus der Besserungsanstalt auftauchen. Wooly und Duchess wollen ebenfalls verreisen, allerdings nach New York. Und damit beginnt eine abenteuerliche Reise voller witzigen und unglaublichen Begegnungen mit Clowns, Landstreichern, arbeitslosen Schauspielern und einem gefährlichen Pastor.

Autor Amor Towles fabuliert wunderbar, lässt uns in unendliche viele Geschichten eintauchen und bringt uns die vier Hauptfiguren immer näher. Billy mag zwar der Jüngste sein, ist aber immer auch der Klügste und ihn schliesst man unweigerlich ins Herz. Er ist gewitzt und es gelingt ihm immer wieder, andern Lebensmut zu geben. 

Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, so dass wir auch alle Sichtweisen sehen können und darüber hinaus die vier Jugendlichen und ihre Beweggründe näher kennenlernen. 

In der ganzen Geschichte klingt ein liebevoller Unterton, nebst dem manchmal rauhen Verhalten der Protagonisten. In diesem Buch kommen abenteuerlustige, geschichtlich und kulturell interessierte Leserinnen und Leser auf ihre Kosten. Mitreissend, spannend, klug, warmherzig und ein grosses Abenteuer.

Amor Towles: Lincoln Highway  Hanser Verlag

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Pflaster gegen alles

Tröstlich schön

Unsere Herzen hat Mariana Leky mit dem Buch "Was man von hier aus sehen kann" im Sturm erobert (wer das Buch noch nicht kennt, kann sich darauf freuen). Vor ein paar Wochen ist nun "Kummer aller Art" erschienen. Kein Roman, sondern Kolumnen, die sie für "Psychologie heute" verfasst hat. Ich mag keine Kurzgeschichten und wollte nur einen schnellen Blick in das Buch werfen und bereits an der zufällig aufgeschlagenen Seite, hat mich Lekys Humor, ihre liebevolle Art des Schreibens und ihre Liebe zu den Menschen überwältigt. 

Der Buchtitel passt perfekt zum Inhalt. Jede Geschichte ist ein Trostpflaster. Sie wirken gegen Angst, Schlaflosigkeit, lassen Schmerzen vergessen und trösten alle, die des Trostes bedürfen und solche, die einfach eine erzählerische Umarmung brauchen. Immer wieder zaubern einem die Geschichten ein Lächeln ins Gesicht und kummervoll betrachtet man den Seitenschwund und wünscht sich, dass Mariana Leky noch viele kleine Geschichten erzählen mag. Das Buch gehört in jede Hausapotheke!

 Mariana Leky: Kummer aller Art   Dumont Verlag

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Es brodelt unter der Oberfläche

All unsre verschwundenen Herzen verstreut, um anderswo zu spriessen

Nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt, bestimmen in Amerika neue Gesetze das Land. PACT, Preserving American Cultures and Traditions, sollen die "amerikanische Kultur" bewahren. Dies soll vor allem den negativen Einfluss von China verdrängen. Betroffen sind zu meist asiatische aussehende Menschen, welche grossen Diskriminierungen ausgesetzt sind, gegen Vorurteile kämpfen müssen und deren Kinder bei kleinsten Verstössen, manchmal auch sehr willkürlich, möglichst weitweg Fremdplaziert werden. 

Der 12jährige Bird, dessen Mutter Asiatin ist, hat gelernt, sich unauffällig zu bewegen, er weiss, dass er nicht auffallen darf. Er lebt mit seinem Vater in Havard. Mutter Margaret ist vor Jahren verschwunden, keiner weiss wohin. Ihre Lyrikbände sind verboten, weil die Freiheitsbewegung mit ihren Worten auf das Leid aufmerksam macht. Immer wieder tauchen Sätze aus ihren Büchern auf, daneben symbolisieren rote Herzen die verschwundenen Kinder.  

Als Bird plötzlich einen Brief von ihr erhält, macht er sich auf die Suche. Er will verstehen, wieso sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Bibliotheken, die den Hort des Widerstandes sind - und schlussendlich auch zu seiner Mutter. 

Es mag zum Teil dystopisch klingen, aber dies ist es keineswegs. In Amerika herrscht eine anti-asiatische Stimmung, es gibt Bücherverbote, die Kriminalisierung von Protestbewegungen, Einschüchterungen von Journalisten und Jounalistinnen und Andersdenkenden, sowie wie Fremdplatzierungen.

"How may more missing hearts will they take?" Poetisch wird gegen das Unrecht gekämpft und Bird ist mittendrin. "Unsere verschwundenen Herzen" ist keine leichte Kost, geprägt von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch immer wieder berührenden Momenten. Eindringlich und nachhaltig - grossartig!

Celeste Ng: Unsere verschwundenen Herzen  dtv Verlag

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Jeder kennt jeden

Eine fesselnde Geschichte grandios erzählt

Tall Oaks ist eine idyllische Kleinstadt. Jeder kennt hier jeden, das Böse ist weit weg. Als eines Nachts der dreijährige Harry Monroe spurlos verschwindet, bekommt das Gefüge gewaltige Risse. Für Mutter Jess ist es ein Alptraum und sie fragt sich, ob sie je daraus erwachen wird. 

Alle helfen mit bei der Suche nach Harry. Trotz des riesigen Medienrummels und der besessenen Polizeiarbeit bleibt sein Schicksal ein Rätsel. Jess stürzt sich in die Suche, ertränkt ihren Kummer in Alkohol und versucht sich mit Männern zu betäuben. 

In Tall Oaks ist nichts mehr wie es war. Hinter dem Mitgefühl der Bewohner verbirgen sich jede Menge Geheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen. Jeder wird zum Verdächtigen und es kommen Dinge zum Vorschein, die die Stadt für immer verändern. 

Autor Chris Whitaker erzählt von den Wunden, die ein Verbrechen bei Opfern und Tätern hinterlassen. Mühelos gelingt es ihm Spannung aufzubauen und er schafft eine gewagte Mixtur aus verschiedenen Genres, was er mit grossem Stilgefühl macht. Es ist alles dabei: Spannung, Trauer, Humor, Abwechslung und ein überraschendes Ende. Ein literarischer Krimi, der sich nach und nach entfaltet. Schmerzhaft tragisch und doch erfrischend unterhaltsam.

Christ Whitaker: Was auf das Ende folgt  Verlag Piper

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