Der Fjord ist sein eigener Herr

Man weiss nie wie tief ein Fjord ist

In einem Osloer Krankenhaus stirbt ein kleiner Junge an den Folgen seiner Verletzungen. Haavard ist der diensthabende Arzt, der alles versucht, um ihn zu retten. Er ist überzeugt, dass das Kind misshandelt wurde. Kurz darauf wird der Vater des Jungen, ein pakistanischstämmiger Einwanderer, erschossen aufgefunden. Ein Mord aus Fremdenhass?

Clara, die Frau von Haavard und Politikerin, ist geschockt. Seit langem kämpft sie für ein neues Gesetz, das misshandelten Kindern früher helfen soll, doch bisher war ihr Kampf vergeblich. 

Haavard gerät ins Visier der Ermittler. Clara muss ihn entlasten, damit sie politisch weiterhin tragbar bleibt, dabei weiss sie nicht, wo sich ihr Mann zur Tatzeit aufgehalten hat. Zudem taucht eine List auf, wo er sorgfältig die Namen von Menschen aufgeführt hat, denen Kindsmisshandlung nachgewiesen werden kann. Die Ehe der beiden ist seit längerem zerrüttet. Clara will Karriere in der Politik machen und er kümmert sich mehr und mehr um die Kinder und seine Geliebte Sabiya, die mit ihm in der Klinik arbeitet und die seine Pistole im Ärztezimmer verwahrt hat, die ist allerdings verschwunden. Man beginnt sich gegenseitig zu belauern. Wem kann man noch vertrauen?

Erzählt wird die Geschichte abwechslungsweise von Clara und Haavard und somit ist man eng an die beiden Hauptfiguren gebunden. Das macht Autorin Ruth Lillegraven richtig, richtig gut. Als Leserin/ Leser kann man das Mordmotiv verstehen und fast heisst man es ein bisschen gut. Die Spannung steigert sich von Seite zu Seite, man rätselt mit, verwirft und am Schluss wird man völlig überrascht. 

Thriller-Leserinnen und Leser sollten sich den Namen dieser Autorin merken. Wenn sie so weitermacht, wird sie zu den Grossen aus dem Norden gehören.

Ruth Lillegraven: Tiefer Fjord   List Verlag

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Kratzen an der Fassade

Wenn ein Ehering auftaucht...

Flora und Julian sind seit über zwanzig Jahren glücklich verheiratet und haben eine Tochter namens Ruby, die mittlerweile 18 Jahre alt ist. Sie sind eng befreundet mit Margot und David, mit denen sie schon manche Herausforderung gemeistert haben.

Doch dann bekommt die Fassade einen Riss. Auf der Suche nach einem Foto findet Flora den Ehering von Julian, den dieser angeblich vor Jahren beim Schwimmen in einem See verloren hat. Er liegt wohlverwahrt in einem Couvert mit abgelegten Fotos und Dokumenten. Zufall? Wohl kaum. 

Jetzt tauchen wir ein in die verschiedenen Leben, gehen zuück in die Vergangenheit, als Flora und Margot noch in einer WG lebten, erleben wie aus Margot eine erfolgreiche Seriendarstellerin wurde, wie sie David, den Arzt kennenlernte, sind auf der Party dabei, wo sich Flora und Julian über den Weg laufen und wir tauchen ein in die Theaterwelt der Good Company. 

Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so dass man wunderbar in die unterschiedlichen Charaktere eintauchen kann. Spannend ist auch der Blick auf die nicht immer so glamouröse Welt des Films und Theaters. Alle Personen tragen ihre Päckchen und manche nehmen es  nicht immer so genau mit der Wahrheit. Aber es stellt sich auch die Frage: Muss man immer alles erzählen? Wäre Schweigen nicht manchmal besser?

Ein vergnüglich, warmherzigerRoman über ein lang gehütetes Geheimnis, das Freundschaften und Beziehungen durcheinanderwirbelt.

Cynthia d'Aprix Sweeney: Unter Freunden   Klett-Cotta Verlag

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Ein perfides Spiel

Ein schwesterliches Duell

Es ist der Tag vor Heiligabend, Esther hätte eigentlich noch vieles zu erledigen und vorzubereiten, aber nun will sie doch schnell zu ihrer labilen Schwester Sue fahren, um ihr ein Geschenk und eine Flasche Wein zu bringen. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt sie ganz alleine in einem riesigen Haus tief im Wald. Allein der Gedanke, dass diese an Weihnachten allein ist, macht Esther Sorgen, zudem will sie sich überzeugen, ob wirklich alles in Ordnung ist und sie ihre Tabletten zu sich nimmt. Zu sich einladen will sie Sue lieber nicht. Zu schlecht sind die Erinnerungen an das vordere Weihnachtsfest. Was ist, wenn sie wieder durchdreht?

Nach einer längeren Fahrt trifft Esther ein, die Schwester ist da, aber nicht sehr erfreut über den Besuch. Wieso will Sue sie so schell wie möglich loswerden? Draussen setzt ein Schneesturm ein, drinnen wird ein Orkan ausgelöst. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit kommen die beiden Frauen ins Gespräch, kein Stein bleibt auf dem anderen. Eine greift zum Messer... Draussen bedeckt der Schnee alles, jedes Geräusch erstickt.

Judith Merchant lässt in ihrem Psychothriller zwei unzuverlässige Erzählerinnen gegeneinander antreten. Es beginnt ein unheimlich intensives Kammerspiel um eine toxische Beziehung, in der nichts so ist, wie es scheint. Die beiden Frauen schenken sich nichts. Abwechselnd erzählen sie aus ihrer Sicht. Nebst den beiden Schwestern kommt auch Martin, Esthers Ehemann, zu Wort, dessen Rolle etwas nebulös ist. Die Atmosphäre ist geladen und beklemmend und die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man einfach nicht aufhören kann, auch wenn es längst nach Mitternacht ist.

Judith Merchant: Schweig!  Kiepenheuer & Witsch

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Ein Frauenschicksal in der australischen Kolonie

Zwischen Wahrheit und Fiktion

In Australien ist der Name Elizabeth Macarthur - Ehefrau des berüchtigten John Macarthur - bekannt. Sie und ihr Ehemann gelten als Pioniere der Schafzucht und Wollproduktion, Elizabeths Kopf zierte 1995 sogar eine fünf Dollar Münze. In zahlreichen Briefen hat sie ihre Erlebnisse und Erinnerungen dokumentiert, die sie nach Grossbritannien schickte. Diese bilden die Grundlagen von "Ein Raum aus Blättern".

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Elizabeth, die von ihrer Mutter zuerst zum Grossvater und später zu einer Pfarrersfamilie abgeschoben wird. Sie lebt in einer Zeit, als Mädchen nicht all zu klug ihre Meinung kund tun dürfen und der einzige Weg die Ehe ist. 1788 wird sie vom undurchsichtigen Leutnant John Macarthur schwanger, der eine Stelle in der neugegründeten Strafkolonie Sydney antreten soll. Hochschwanger begibt sich Elizabeth auf die beschwerliche Reise in das unbekannte Australien. 

In der neuen Welt ist John immer auf der Suche nach eigenen Vorteilen. Er intrigiert und macht sich immer wieder Feinde, während seine Ehefrau irgendwann lernt, seine Machenschaft im Hintergrund zu manipulieren. Es ist keine glückliche Ehe, auch wenn daraus ein paar Kinder entstehen. 

Mit ihren Salon-Einladungen wird Elizabeth zu einer festen Grösse im sozialen Leben der kleinen Kolonie, das gesellschaftliche Parkett weiss sie zu bespielen. Irgendwann gelingt es John an mehr Land zu kommen und er kann eine Farm gründen, die zur späteren Popularität des Paares führt. Erneut ist es seine Ehefrau, die sich in das Landleben einfügt und für sich Bereiche entdeckt, die sie erfüllen.

Autorin Kate Grenville schildert die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau, die trotz widrigen Umständen immer wieder Chancen sucht, sich sowohl naturwissenschaftlich wie auch botanisch weiterbildet und ihren Weg geht. Es ist ein abenteuerliches, oft auch entbehrungsreiches Leben in welches wir eintauchen und auch die hässliche Seite der europäischen Siedlungspolitik wird nicht verschwiegen. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte wird hier lebendig. 

Kate Grenville: Ein Raum aus Blättern   Nagel & Kimche Verlag

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Herzerwärmend

Über das Streben nach Glück und das Unbehagen, das es manchmal auslöst

Sami ist ein liebenswerter Durchschnittstyp, Ende dreissig, der unbedingt Vater werden möchte. Seine biologische Uhr tickt mittlerweile mehr als laut. Dass er immer schnell zum Thema Familie kommt, wenn er eine Frau kennenlernt, kommt beim andern Geschlecht nicht besonders gut an. Als wieder eine Beziehung scheitert, trifft Sami eine ganze Palette an falschen Entscheidungen. Heftige Tritt gegen die Motorräder einer Motorradgang bringen sein Leben komplett durcheinander. Diese Männer kennen keine Gnade und verfolgen ihn quer durch die Stadt, nach Hause kann er nicht mehr. Zum Glück gibt es Markus, sein bester Freund und alleinerziehender Vater. Bei ihm taucht er unter und in das Familienleben ein.

Sami ist nur eine Figur im neuen Buch von Miika Nousiainen. Er lässt die insgesamt fünf Protagonisten/ Protagonistinnen abwechselnd erzählen und packt viele wichtige Fragen des Lebens ein: Wie geht man mit alternden Eltern um, unerfülltem Kinderwunsch, klimagefärdenden Berufen oder feindlich gesinnten Motorradgangs? Zum Glück gibt es da den Quality Time Blog, den alle Figuren immer mal zurate ziehen. Dieser scheint für jede Lebenssituation den richtigen Ratschlag zu haben. Aber gibt es das pefekte Leben wirklich?

Wie bereits in "Die Wurzel alles Guten" sprüht Autor Nousiainen auch in seinem neuen Buch vor Ideen und leicht schrägem Humor. Liebevoll geht er mit seinen Figuren um, die man alle schnell ins Herz schliesst. Dieser Roman macht richtig, richtig Spass

Miika Nousiainen: Quality Time   Kein & Aber

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