Ein Haiku des Herzens

Über Verlust, Einsamkeit und die Schönheit des Lebens

Mitten in einem grossen Garten am Hang des Kujirayama in Japan steht eine einsame Telefonzelle, die nirgends angeschlossen ist. Wer den Hörer abhebt, kann dem Wind lauschen und den Stimmen der Vergangenheit. Unzählige Menschen reisen jährlich dorthin, um mit ihren verstorbenen Angehörigen zu sprechen und um Sachen zu sagen, die zu Lebzeiten unausgesprochen geblieben sind. 

Yui, die Radiomoderatorin, hat beim Tsunami von 2011 ihre Tochter und ihre Mutter verloren. Als sie von der einsamen Telefonzelle hört, macht sie sich auf die Reise, um selbst einmal den Hörer in die Hand zu nehmen und mit ihren verstorbenen Angehörigen zu sprechen. 

Im Garten lernt sie den Arzt Takeshi kennen, der um seine verstorbene Frau trauert. Beide erhoffen sich Trost von dem besonderen Pilgerort. Sie kommen ins Gespräch und beschliessen, einmal pro Monat gemeinsam die Fahrt zur Telefonzelle zu machen. Vereint in ihrer Trauer nähern sie sich in kleinen Schritten an, gemeinsam schöpfen sie neuen Mut.

Das Telefon des Windes gibt es tatsächlich. Autorin Laura Imai Messina liess sich davon zu ihrem Roman inspirieren. Gefühlvoll und bewegend schildert sie Yui, die etwas vom Schlimmsten erlebt, ohne dass die Leserin/ der Leser tief in die Materie eintauchen muss, man versteht die Situation auch so, den grossen Verlust, den sie erlitten hat. Es ist eine Geschichte der Zuversicht, über die Kraft des Zuhörens und der Gefühle. Ein Buch, das zu Trösten vermag ohne kitschig zu werden.

Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt   btb Verlag

Bestellen


Es braust in der Luft...

Eine packende Familiensaga von Mecklenburg bis in ein kleines Schweizer Dorf

Ein Herzinfarkt bei einem fünfundsiebzigsten Geburtstag löst die Aufarbeitung einer viergenerationen Familiengeschichte aus. Es ist Charlotte, die bei der Feier einen harmlosen Satz über Kartoffeln ausspricht und damit die Geschichte von "Der Wod" in Gang setzt.

Es fängt mit Julius und Meta an. Er, gelernter Drucker und Freimaurer, heiratet die Tochter des Druckereibesitzers, nicht aus Liebe, sondern damit er des Nachts heimlich Flugblätter gegen die aufstrebenden Nationalsozialisten drucken kann, während er tagsüber deren Propaganda drucken muss. 

Autorin Silvia Tschui lässt uns durch Jahrzehnte wandern und wir erleben sehr viel auf dieser Reise, treffen die unterschiedlichsten Menschen, tauchen in deren Abgründe, die einen manchmal erschaudern, manchmal erfreuen. 

So taucht der Schweizer Fritz auf, der gefeierte Brückenbauer der Nazis, der bei seiner Rückkehr in sein kleines Heimatdorf nicht mehr richtig Fuss fassen kann und dessen deutsche Frau Lilli, die Tochter von Meta und Julius, von den Dorfbewohnern gemieden und verachtet wird.

Tschui spannt einen riesigen Bogen über Milieus, Epochen und Ländergrenzen hinweg, von Nazis zu Widerständlern, von Grossbürgern zu Hells Angels. Es geht um Diamanten, Kartoffeln, Uhrmacher, Flucht, Geheimgesellschaften und Künstler - ein wilder Ritt durch die Jahrzehnte, angetrieben von Wod, dem wilden Jäger aus der norddeutschen Sage, über den man ungestraft nicht spottet, denn sonst lässt er einen ein Leben lang nicht los.

Und ebenso lässt einen das Buch nicht mehr los. Silvia Tschui wechselt mitten im Satz in die Vergangenheit und holt einen etliche Seiten wieder zurück in die Gegenwart. Das mag im ersten Moment befremdend wirken, aber es ist dermassen gekonnt und raffiniert, dass man ihr problemlos folgen kann. Atemlos bleibt man am Schluss zurück, die losen Fäden haben sich zusammengefügt und man ist überwältig von so vielen Eindrücken. Ein unglaubliches Buch!

 Silvia Tschui: Der Wod   Rowohlt Verlag

Bestellen


Grande-Dame

Zeitzeugen und Zeitzeuginnen berichen

Elisabeth de Meuron-von Tscharner ist nach wie vor vielen Menschen ein Begriff. Sie hat das Leben vieler geprägt, die Begegnungen und Erlebnisse mit ihr haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

Zum Beispiel die Familie Gfeller, welche über hundert Jahre Pächter auf dem Schlossgut der Familie von Tscharner und später von Madame de Meuron in Amsoldingen war. Im Buch erzählt die 100jährige Maria ihre Geschichte. Kein einfaches Leben, das sie führte, immer wieder mussten sie und ihr Mann Fritz bangen, ob Madame nicht plötzlich den Pachtvertrag kündigt. Die beiden Parteien waren allerdings gegenseitig voneinander abhängig: Gfellers verdienten damit ihren Lebensunterhalt und Madame de Meuron brauchte die Pächter, damit Zinsen flossen und das Bauerngut betrieben wurde. 

Es kommen weitere Wegbleiter und Wegbegleiterinnen von Elisabeth de Meuron-von Tscharner zu Wort, die die Legenden der Grande Dame beleuchten und die einen andern Einblick in das Leben der Berner Patrizieren gewähren.

Das Buch von Karoline Arn ist eine literarische Reportage, die uns anhand von Gesprächen und unveröffentlichten Briefen in das Innere von Madame de Meuron blicken lässt und sie lebendig und fassbar macht. 

Karoline Arn: Die Entourage von Elisabeth de Meuron-von Tscharner  Zytglogge Verlag

Jetzt bestellen


Ostberlin 1961

Vom Bau bis zum Fall der Berliner Mauer

Ostberlin 1961: Als Ria zehn Jahre alt ist, werden ihre Eltern von der Staatssicherheit abgeholt. Von ihrer kleinen Schwester wird sie getrennt und in einer Adoptivfamilie untergebracht. Jahrelang lebt sie das angepasste Leben einer Ostberlinerin. Als sie eine Stelle im Ministerium für Aussenhandel antritt, wird sie vom BND als Informantin rekrutiert. Das ist ihre Chance, endlich kann sie sich an der DDR rächen und vielleicht sogar ihre Schwester finden. Allerdings ist es alles andere als einfach, denn sie erfährt von einem ungeheuerlichen Plan, der das Schicksal ihrer Familie und die Zukunft der DDR und BRD für immer verändern könnte. Ein getrenntes Land, eine Stadt in zwei Hälften und jede gehört zu einer andern Weltmacht..

Titus Müller erzählt in "Die fremde Spionin" äusserst spannend und mit viel Hintergrundwissen die Geschichte vom Beginn bis zum Ende der DDR. Mit der Hauptfigur Ria geraten wir in die politischen Wirren des Schicksaljahrs 1916 und erleben, wie sie für den Traum von Freiheit und Glück ihr Leben aufs Spiel setzt. Es beginnt eine fesselnde Zeitreise - weglegen unmöglich!

Titus Müller: Die fremde Spionin   Heyne Verlag

Jetzt bestellen


Handeln in der Klimakrise

Fast ein Thriller

Eigentlich wollte Frank Schätzing einen weiteren Thriller schreiben, doch dann wurde ihm bewusst, dass wir in einem Thriller leben. Nicht als Leser/ Leserin und Autor/ Autorin, sondern als Akteure. Der Titel nennt sich: Klimakrise. Und nur die Menschheit kann die Krise lösen.

Der Klimawandel ist die grösste existenzielle Bedrohung unserer Geschichte und genau wie der Corona-Virus lässt er nicht mit sich reden. Es ist Zeit zu handeln.

Schätzing schreibt wissenschaftlich fundiert, spannend und immer mit einer Portion Humor. Er entwirft verschiedene Szenarien unserer Zukunft, in denen wir manchmal versagen, manchmal erfolgreich sind. Er schafft es, die komplexen Themen leicht verständlich und vor allem auch sehr spannend zu erläutern. Gekonnt führt er uns durch das komplexe Thema des Klimawandels. Er tut dies nicht mit erhobenem Zeigfinger, regt aber zum Denken und Überdenken an. Er zeigt uns eine Vielzahl an Optionen auf und was jetzt geschehen muss, damit doch noch alles gut wird - vielleicht sogar noch besser. 

 Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten?   Kiepenheuer & Witsch

Jetzt bestellen