Eines Tages war der Halbbart da

Wie aus Geschichten Geschichte wird

Wir schreiben das Jahr 1313: In einem kleinen Dorf in der Talschaft Schwyz, wo die Hacke des Totengräbers täglich zu hören ist, lebt der Sebi. Er ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Weil er so ein Finöggel ist, glauben alle im Dorf, dass er mal ins Kloster Einsiedeln zu den Möchen gehen wird. Die mag man zwar nicht besonders seit sie willkürlich die Grenze verschieben und die Waldarbeiter abkommandieren.

Eines Tages taucht ein komischer Fremdling auf. Ihm fehlt die Hälfte des Gesichts und deshalb nennen ihn die Dörfler Halbbart. Am Rande des Dorfes baut er sich einen Unterstand. Sebi ist fasziniert von dem merkwürdigen Mann, der so vieles erlebt haben muss, aber nichts erzählt. Dafür kann man vieles von ihm lernen. Zum Beispiel was die Menschen im Guten wie im Bösen auszeichnet und wie man auch in rauhen Zeiten das Beste aus sich macht.

Erzählt wird die Geschichte von Sebi selber, der mit heller, argloser Bubenstimme von seinen Abenteuern im frühen 14. Jahrhundert erzählt, denn Erzählen hilft beim Verstehen.

In einer mundart-deutschen Sprachen fabuliert Charles Lewinsky munter drauflos und schafft es immer wieder, dass man als Leser/ Leserin laut herauslacht. Es ist eine wahre Freude, dem Sebi zu zuhören, der gar nicht so dumm ist, wie manche meinen. Dieses Buch macht einfach Spass!

Charles Lewinsky: Der Halbbart   Diogenes Verlag

 

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2 x 72 Stunden

Krimisensation aus Schweden

Kommissar Ewert Grens trifft in einem Stockholmer Apartment auf ein grausames Bild: Ein Geburtstagskuchen mit fünf erloschenen Kerzen und ein kleines Mädchen, das im Kreise seiner Familie feiern wollte. Vier Leichen und das Mädchen Zana.

Siebzehn Jahre später steht Grens im selben Apartment. Die Mörder sind zurückgekehrt, sie suchen Zana, die damalige Augenzeugin, die unterdessen in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde. Die Zeit ist knapp, er muss die mittlerweile junge Frau vor ihnen finden.

Piet Hoffmann, der nach jahrelanger Flucht ein ruhiges Leben mit seiner Familie führen möchte, wird erpresst. Er soll einen Bandenkrieg entfesseln und damit das Waffengeschäft ankurbeln. Wenn er das nicht schafft, wird seine Familie getötet.

Dieser Krimi vermag schnell zu packen, ist er doch ganz anders als erwartet. Die beiden Erzählstränge rücken immer näher, man bangt um Hoffmann, weiss nicht, was mit Zana ist und wer im Kommissariat der Verräter ist. Die Geschichte wühlt auf, schockiert, berührt. Und der Schluss lässt einen für einen kurzen Moment den Mund offenhalten und heimlich wischt man sich eine Träne weg.

Anders Roslund: Geburtstagskind  Ullstein Verlag

 

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Eine Lebensgeschichte

Manche Entscheide zerreissen ein Leben

Im neuen Roman von David Grossman stehen drei eigenwillige Frauen im Mittelpunkt: die 90jährige Vera, ihre Tochter Nina und die Enkelin Gili, welche am Geburtstag ihrer Grossmutter beschliesst, einen Film über sie zu machen. Sie will mit ihr und Nina nach Kroatien reisen, auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok, wo Vera endlich einmal ihre vollständige Lebensgeschichte erzählen soll. Was passierte damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Weshalb hat sie sich entschlossen, ihre damals sechsjährige Tochter Nina wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich freizukaufen?

"Was Nina wusste" beruht auf der wahren Geschichte von Eva Panic-Nahir, die David Grossman ihre Lebensgeschichte erzählt hat. Es ist kein leichter Roman, die Schilderungen aus dem Lager auf der Gefangeneninsel lassen einen erschüttern. Eindringlich beschreibt Grossman die Geschichte zwischen den drei Frauen, die geprägt ist von Verrat und Einsamkeit, aber auch von Liebe und Vergebung. Ein Buch das aufwühlt und deshalb auch grossartig ist.

David Grossman: Was Nina wusste   Verlag Hanser

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Eine neue Perspektive

Im Grunde sind die meisten Menschen gut

Von Machiavelli bis zu Thomas Hobbes bis zu "Herr der Fliegen" und dem Stanford-Prison-Experiment: Immer lautet die These, dass ohne Autoritäten und zivilisierende Gesetze die Gesellschaft kollabieren würde, da der Mensch von Natur aus böse sei. Stimmt das? Autor Rudger Bregman hat sich gefragt, wie es zu diesem Menschenbild kam. In seinem Buch, "Im Grunde gut", beweist er, dass unsere Vorstellung vom Wesen des Menschen auf falschen Prämissen aufbaut. Äusserst unterhaltsam weist er anhand von Erkenntnissen aus der Psychologie, Ökonomie, Geschichte und Archäologie, welche Denkfehler den althergebrachten Modellen zugrunde liegen. Der Mensch hat sich nicht mit Stärke, Intelligenz und List gegen andere Arten durchgesetzt, sondern vor allem durch Kooperation.

Bregman wagt eine neue Geschichte - die des Menschen, der gut ist. Denn: Wir sind besser, als wir denken.

"Im Grunde gut" ist ein mitreissendes, anregendes Buch, in welches man stundenlang eintauchen kann. Bregman glaubt an das Gute im Mensch und das tut man nach dieser Lektüre auch. Aber Vorsicht: Die vielen Hinweise auf weitere Bücher sorgen dafür, dass der Stapel auf dem Nachttischli in die Höhe schiesst.

Rudger Bregman: Im Grunde gut   Rowohlt Verlag

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In einer stillen Wohnung am Fluss

Ein Herzensbuch

Vierzig Jahre lang ist Giulias Vater als Ingenieur durch die Welt gereist, nun ist er seit einigen Monaten Witwer und merkt, dass er den Dringlichkeiten des Lebens mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat als den Wichtigkeiten. Seine erwachsenen Kinder leben in der Welt verstreut, zu seiner mittleren Tochter Giulia, die am Theater arbeitet, hat er seit dem Tod seiner Frau keinen Kontakt mehr. Den letzten Lebensabschnitt hat er sich anders vorgestellt, Einsamkeit ist der tägliche Begleiter.

An einem Sonntag kocht er ein aufwändiges Mahl für die Familie von Tochter Sonia. Es ist das erste Mal, dass er sich so viel Zeit nimmt und dafür sogar das rote Rezeptbuch seiner Frau zur Hand nimmt. Doch es kommt anders: Seine Enkelin fällt vom Baum und muss notfallmässig ins Krankenhaus, das Essen, welches bereits auf dem Tisch steht muss ausfallen.

Er beschliesst einen Spaziergang zu machen und dort trifft er auf Elena und ihren Sohn. Beide kennt er nicht, sie kommen ins Gespräch und schlussendlich sitzen sie an seinem reich gedeckten Tisch.

Es ist eine ruhig erzählte Geschichte, die Fabio Geda uns serviert. Am Anfang ist es etwas gewöhnungsbedürftig, dass sie aus der Sicht von Giulia erzählt wird, aber es scheint durchaus sehr passend. Nach und nach erfährt man, wie es zu diesem speziellen Sonntag kam, was für Ereignisse die Familie und ihre einzelnen Mitglieder geprägt haben. Geda könnte leicht in Kitsch verfallen, aber das tut er zum Glück nicht. Ein ruhiger, besinnlicher Roman mit einem Schuss Melancholie.

Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena   hanserblau Verlag

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